Maria Àngels Anglada
Associació d'Escriptors en Llengua Catalana
Antologia

3. Alemany [Fragment El violí d'Auschwitz]

Nachdem er tagelang in der Zelle eingeschlossen war, fand er die Liege schließlich sogar weich. Die Kameraden, mehr oder weniger genauso verlaust wie er, waren ihm ein warmer Rückhalt, etwas Bekanntes.

Diesmal weckte man ihn. Er konnte nicht liegen bleiben und weiterschlafen! Diesmal würde ihn niemand aus der fürchterlichen Umgebung retten, und der Blick von Dr. Rascher ließ nichts Gutes erwarten. Obwohl er von den Schlägen immer noch Schmerzen hatte, hatte ihn die Nacht mit einem Traum umhüllt, und es war, vielleicht wegen der Gesellschaft kein Alptraum gewesen. Der «Sekretär» der Baracke riss ihn aus einer anderen Welt. Im Traum war er in seiner säuberlich aufgeräumten Werkstatt gewesen, wo er an einer Bratsche arbeitete, zwischen dem vertrauten und angenehmen Geruch nach Holz, Klebstoff und Lack –nicht dem Mief der Baracke. Im Stockwerk über ihm sang seine Mutter vor sich hin, während sie das Mittagessen kochte, das die Räume ebenfalls mit Wohlgerüchen füllte. All das waren angenehme Empfindungen: Die Sonne hüllte das Holz in ihr goldenes Licht, entlockte ihm warme Schimmer wie beim einem Sonnenuntergang, ähnlich altem, rot- und seltsam blaugefärbtem Gold. Im Kontrast mit diesen Farbtönen strahlte der Stahl seiner Schnitzwerkzeuge, die er als Geigenbauer benutzte, eine glänzende Kälte aus.

Alle noch nicht bearbeiteten Teile, die für zukünftige Instrumente zurechtgesägt waren, verströmten ihre Gerüche, ihre Maserung schimmerte, und mitten hindurch fuhr die Luft, die sie langsam trocknete, zusammen mit ihrer Schwester, der Zeit. Er hatte bereits von seinem Vater gelernt, niemals Holz zu verwenden, das vor weniger als fünf Jahren gefällt worden war. Aus guter Bergfichte und Ahorn, von Bäumen, in denen Vögel genistet hatten. Die der Wind zum Klingen gebracht hatte —wie später der Bogen. Im Traum leuchteten jedes Teil und jedes Werkzeug wie Juwelen, was sie in der Tat auch waren, die bescheidenen Juwelen seiner Handwerkerkrone. Im Traum befand er sich in einem der heikelsten Momente seine Arbeit: er platzierte den Stimmstock in der Bratsche, dieses winzige Teil aus Fichtenholz, mit dichter, feiner Maserung, das er ganz senkrecht, ganz gerade direkt unter der rechten Seite des Stegs einsetzte. Aber, was war los? Seine Hände schwitzten, der Stimmstock rutschte ab, entglitt ihm zu früh! Er war ihm zu kurz geraten, unbrauchbar. Er musste wieder ganz von vorne beginnen. Aber die Bratsche wurde tiefer, tiefer...

Hände schüttelten ihn und rissen ihn in diesem Moment aus dem Traum. Die Bratsche blieb ohne Stimmstock, ohne Seele. Das schien ihm ein schlechtes Vorzeichen zu sein.

Der Traum war jedoch nicht Schuld daran. Man musste nicht weit blicken, um schlechte Vorzeichen zu erkennen. Er hatte sie geradewegs vor den Augen, ganz direkt. Das Vorzeichen war ganz einfach die Morgendämmerung. Die Dämmerung eines neuen Tages, in der Gehenna*, im Lager der Drei Flüsse.

Eine trübe Dämmerung, Vorbotin eines des grauen, unbestimmten Tageslichts, eine alte Decke auf dem vom Leiden verbrauchten Bett. Kein Alptraum —dachte er— kann schlimmer sein als die Grausamkeit, die sie umgab und durchdrang, so unausweichlich wie die Luft, die sie atmeten. Ihr ausgeliefert, hilflos wie Säuglinge. Er fühlte sich von allen verlassen, sogar von Jahwe, einem ihm unverständlichen Hass ausgeliefert. Er hatte seinen Vater von früheren Vertreibungen und Pogromen erzählen hören, zur Zeit seiner Großeltern, er selbst jedoch hatte eine eher beschauliche Kindheit und Jugend verbracht, sie hatten ein fröhliches Bar-Mitzvah-Fest gefeiert, genauso wie bei seinem großem Bruder und nur der Tod seines Vaters, durch eine Krankheit bedingt, hatte diesen Frieden getrübt. Vielleicht hatte sie daher das Unheil so viel unerwarteter getroffen. Die drohenden Zeichen, die sich zusammenbrauenden schwarzen Wolken waren ihm entgangen, zu sehr war er in seinen Beruf vertieft, der ihn begeisterte, unaufmerksam, als ob sie nicht auf ihn zukämen. Zu Beginn der Tyrranei hatte er sich den gelben Davidstern angesteckt, ohne zu glauben, dass dieser ein Todeszeichen war, so wie Bäume zum Abholzen gekennzeichnet werden, und die neue, brutale Wirklichkeit holte ihn erst an jenem schrecklichen Tag ein, als man ihm seine Werkstatt plünderte —in nicht allzu weiter Entfernung brannte die alte Synagoge des Viertels, wo er sich als Kind so sicher unter den Stoffbahnen des weiten Taled seines Vaters gefühlt hatte, der ihn oft mit sich zu Feiern mitnahm. Seitdem, dachte er nun, war jeder Tag ein Schritt, der sie immer tiefer in den Schlamm, der sie alle verschlang, sinken ließ.

Es war der zweite Arbeitstag seitdem, dass er aus der Zelle gekommen war und er wusste nicht, warum er ihm länger vorkam als der erste. Er bemerkte, dass ihm mutlos ums Herz wurde, fatalistisch, bis hin zur Verzweiflung neigend. Er erkannte die Zeichen: Er hatte Lagerkameraden erkranken, sich dem Tod überlassen sehen; jetzt ruhten sie unter den Hügeln der Umgebung. Er war aber jünger, versuchte er sich in der Baracke zu ermutigen, er hatte keine Lust nachzudenken, er wollte sich nur ausruhen. Später kamen die erschöpft herein, die Arbeiten im Freien und im Steinbruch verrichteten.

Es gab jedoch eine Überraschung, einen kleinen Hoffnungsschimmer. Neue Zwangsarbeiter waren gekommen, um die Ausfälle zu kompensieren. Einer der Neuankömmlinge, der die Liege neben ihm zugewiesen bekam, war ein Mechaniker aus seiner Straße, sozusagen ein Freund. Daniel sah die Überraschung in seinen Augen und das Mitleid, ihn so dünn zu sehen, so abgemagert. Sie umarmten sich weinend; die körperliche Schwäche lässt die Tränen leichter fließen. Bald aber empfand der Geigenbauer, zum ersten Mal in seiner Zeit im Lager der Drei Flüsse ein Gefühl der Freude. Eva lebte, so berichtete sein Nachbar, und es ging ihr einigermaßen gut. Er hatte sie gesehen, als er eine Reparaturarbeit in der von Tisch geleiteten Fabrik für Armeeuniformen durchführte: dem Paradies, von dem man hinter vorgehaltener Hand im Lager sprach. Ja, Eva bekam jeden Tag gutes Roggenbrot zu essen, welches dank der ungewöhnlichen Güte des Industriellen von dessen Geld für seine Arbeiter gekauft wurde. Oft glänzte sogar auf dem Brot noch eine Schicht Margarine... oder Butter!

Sie sprachen ohne Unterlass, in der dunklen Nacht. Sein Freund erzählte weitere Details, wohlbedacht ihn nicht zu sehr leiden zu lassen. Sie war vorher in einem anderen Lager mit schrecklichem Namen gewesen; er wusste nicht, was sie hatte erleiden müssen, aber sie hatte überlebt und nun war sie ziemlich nahe bei ihm.

—Wenn ich nur hier rauskommen und sie sehen könnte...

—Denk nicht einmal daran —warnte ihn sein Freund—. Das könnte dein Tod sein.


* Bezeichnung für Hölle im Judentum (Anm. der Übersetzerin)

(Aus El violí d'Auschwitz, 1994, p. 35-38)

Aus dem Katalanischen übersetzt von Katharina Wieland ©






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