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Ponç Pons

3. Alemany

EXORDIUM

 Tutto che mi resta è già perduto
Quasimodo

Die Rosen von Ronsard sind schon verwelkt

und Gott nichts weiter als Erinnerung

Meere jenseits der Insel sah ich nicht

auch nicht Orte auf grünen Landkarten

die Nacht ist eine Kammer in der Welt

das Leben leer, das nur durch Worte Sinn erhält

Wo ist der Schnee, wie ihn Villon besang

Aus dem Magma der Lust entstanden zwei Kinder

aus dem Brunnen der Jahre ein Vers der Sehnsucht

Der alte Steinkauz ist nicht mehr zurückgekehrt

die Spatzen haben kein Nest mehr gebaut

ich träume vom riesigen Son Bou der Kindheit

werde alt und lese wieder Shakespeare

* * *

TRISTIA

In der letzten Welt von Tomis
bedeckt von fremder Erde,
in einem namenlosen Grab
das der salzige Wind beutelt,
lebst du vielleicht noch weiter
in den Gedanken von einst
sehr verliebten Frauen
und alte Dichter wie ich
tragen dir in Versen vor
lyrisch, reif und gemessen
schmerzerfüllt und romantisch
unser ungewisses Leben.
Die Zeit, die alles auslöscht
festigt schließlich deinen Ruhm
und macht deinen Namen des Meisters
für immer unvergänglich.
Aber schon klassisch, Mythos
der Liebenden der Liebe, bleibt
kein Sex mehr und der verwelkte
Lorbeer des Ruhms ist unnütz.
In uns keimt das Vergessen.
Der kalte Wind, der Hefte,
Mappen, Bücher zerfrißt
durchfeuchtet alles mit Salz.
Glücklich sein ist ein Plagiat,
Schreiben eine bittere Pflicht.
Wir leben nicht, die Worte
setzen uns zu und machen uns
zu fiebrig Suchenden
der Schönheit, verloren,
Gefangene einer Seite.
Wir scheitern am Gekritzel.
Auf dem Olymp ein Beinhaus bloss
unter Kastanien und Wolken
das die griechische Sonne küßt
sind die Götter auch gestorben.
Alles ist Rauch und schon nichts mehr
von ewiger Dauer, Ovid.

* * *

TOTE BUCHT

Regen fällt auf meine Kindheit
Octavio Paz

I

Am wilden Meer im Norden seh ich den Regen fallen

Hinter diesen Knoten im Hals sammelt sich die Kindheit an

Nie wieder rauhe Winter auf der Insel

Und auch kein nacktes Schwimmen mehr im Wasserbecken.

Unsere nun so verwirrte Zeit verheißt viel Getöse,

Sodaß man glücklich zu den Versen aufs Zimmer geht

Wir liefen frei durch die üppigen Obstgärten

Spielten mit Schleudern in Feldern voller Disteln

Glücklich wie wir waren fanden wir uns nicht arm

Der Sex war weder Schmach noch Sünde

Die Nächte erfüllt mit Erzählungen und Mythen

Und der Wind stimmte ein in den freudigen Chor


II


Kinder des Meers und des Kalks mit Kamille im Auge

Entdeckten wir die Namen der Vögel im Wald

Waren hell gekleidet am glühenden Strand

Rubbelten mit Sand unsere Körper ab

Das Salz wuchs in den Weinlauben der Höfe

Wir wußten nichts von der Welt und daß es

Jenseits der Küsten unserer Insel andere Götter gab

Ein alter, zerschlissener Atlas machte es mir klar

Ich las die Odissee zwischen Wiesen und Pinien

Wo nun die kahlen Pfade von San Boi sind

oder die Dünen mit Schilf neben den Tamarisken

Über Addaia kreisen mürrische Möwen

Hier gibt es noch Zeichen des Bürgerkriegs

* * *

SCHUTTHALDE

Da schreiben auch heißt, dem Leben Sinn zu geben

Und aus dem Kummer tödlich absurde Zeit zu retten

Auszuharren nachts nach glühenden Worten suchend

die mir Halt gäben, zu Versen des Lebens würden

* * *

VERBRANNTE STEINE

(Fragmente)

Die Pflege der Literatur
bedarf keines mondänen Umgangs.

Niemand hört mich im Dickicht des Waldes
aber der weisse Mond leuchtet mir.

Wang Wei


Kastrierter Satyr.
Die Sehnsucht hat das Antlitz
von verlorenen Inseln.


Heimaterde.
Das Gedicht ist ein Garten,
in dem die Möwen picken.


Von der Stadt verroht
streichle ich eine Pinie
als wäre sie eine Frau.


Eine Heuschrecke springt auf.
Ungesehen und ganz flink
stehlen Buben Jujubenbeeren.


Erde des Abschieds.
Die Augen des Kauzes
glühen unter dem Vordach.
Mondgeschlecht
aufgerichtet in der Nacht...
Die Katzen miauen brünstig.


Grillen und Mücken
Im Licht einer Öllampe
kratzt die alte Feder.


Umsonst versteif’ ich mich,
Verse, Worte zu schreiben..
Wo ich dich doch nur küssen will!


Im Grün verloren
auf einem Pfad der durch den dichten
Wald schlängelt, spricht ein Faun.


Barfuß, versteckt
im Pinienhain schreibe
ich Worte, von Nymphen gekreuzt.


Totgeburten
dieser Insel, wo summend die Fliegen
Herrscherinnen sind.


Die schönen von uns
als Jungen gesäten
Erinnerungen sind vorbei.


Land des Meers.
Kein Horizont mehr vorhanden.
Ich höre die Möwen schreien.


Pinien und Gesträuch.
Auf dem Heimweg, nachts
leitet mich sicher der Pfad.


Als wortverliebter
Inselmensch zerzause ich
zärtlich die Grammatik.

Aus dem Katalanischen übersetzt von Theres Moser ©


Amb el suport de:

Institut d'Estudis Baleàrics