Autors i Autores

Pau Faner

3. Alemany [Wahre Liebe]

Als ich das Fenster öffnete, war die ganze Landschaft in Weiß gehüllt, die Dachziegel der Häuser, die Baumwipfel, alles weiß. Mein Onkel Fonso kam mit dem Fahrrad an und seine Hosenbeine waren so durchnässt, dass Mutter ihn aufforderte, sich umzuziehen, weil er sich sonst erkälten würde. An manchen Orten liegt ein halber Meter, und ich wusste, dass er von einem halben Meter Schnee sprach. Wir gingen aufs Dach und machten einen kleinen Schneeball, nicht der Rede wert, und mein Onkel ließ ihn über den Schnee rollen bis er schließlich wuchs und so groß wurde, dass er seine ganze Kraft brauchte, um ihn anzuschubsen. Dann machte er ihm einen runden Kopf, steckte ihm eine Mohrrübe als Nase hinein und setzte zwei alte Mantelknöpfe als Augen ein. Der Schneemann bekam schließlich auch noch eine Pfeife, einen Hut und einen Schal und sah wirklich ganz toll aus.

Als ich zur Schule kam, schoss Pater Camil Schneebälle gegen die von Pater Crescent angeführte Gruppe. Ich war für einen Sieg von Pater Crecsent, aber Pater Camil, mit geschürzter Soutane, die den Blick auf eine graue, mehrfach geflickte Hose freigab, war unschlagbar und seine Bälle trafen die Gegner mit Wucht. Ich dachte noch, sie könnten sich verletzen, weil sie, vom Licht geblendet, nicht sehen würden, wo sie hinzielten, aber da läutete plötzlich die Glocke und sie hielten inne. Die Totenglocke, die das Ableben von Pater Juan Tolrá verkündete, der sich letzte Nacht schlecht gefühlt hatte. Ich habe dem Glockenklang, ihrem Bim Bam, Bim Bam aufmerksam gelauscht, aber so sehr ich mich auch bemühte, konnte ich keine Botschaft heraushören.

»Ich höre gar nichts von dem, was die Glocken mir sagen wollen.«

Pater Crescent meinte, ich wäre nicht mit genug Liebe dabei. Wenn ich nämlich mit genug Liebe dabei wäre, könnte auch die Musik zu mir sprechen, genauso wie die Glocken, und ich so darin einen mitreißenden Klang hören. Pater Crescent ging mit Pater Camil fort, ich blieb ganz allein auf dem Schulhof zurück und versuchte, dem Glockenklang meine Liebe zu schenken. Dabei fiel mir plötzlich ein, dass Adelaida die Liebe meines Lebens war, und wenn ich mir vorstellte, dass sie die Glocken läutete, ich ihre Sprache verstünde. Also stellte ich mir vor, dass Adelaida ganz in Weiß gekleidet durch die schwarze Eisentür in den Hof käme. Und wenn sie sich zu mir gesetzt hätte, fragte ich:

»Verstehst du die Sprache der Glocken?«

Sie lachte.

»Sei doch nicht so naiv, die Glocken sprechen nicht, die läuten nur.«

»Pater Crescent hat gesagt, wenn ich mit mehr Liebe zuhörte, würden sie zu mir sprechen.«

Als Adelaida das Wort Liebe hörte, sah sie mich auf eine Art und Weise an, wie nur sie mich ansehen konnte. Sie hatte einen Glanz in ihren Augen, selbst ihre Pupillen schienen mir etwas sagen zu wollen. Wir nahmen uns an der Hand, und meine Schulkollegen verspotteten mich, weil sie Adelaida nicht sehen konnten. Wir küssten uns und mussten in der Folge auch noch das Wunder der Liebe vollbringen, weil nämlich die Glocken noch einmal läuteten und ich nun alle Worte verstand.

»Bim Bam, Pater Juan Tolrá ist tot.«

Ich dachte, dieser alte Pater müsse gewiss ein Heiliger gewesen und die Stadt deshalb mit einer makellos weißen Schneedecke überzogen sein. Ich dachte auch, dass ich in Zukunft immer bei Pater Servando beichten werden müssen, und er mich fragen würde, ob ich meine Angebetete geküsst hätte, und es wird mir nichts weiter übrig bleiben, als mit Ja zu antworten. Dann sah ich ihn, den weißen Kopf von Pater Juan Tolrá, wie er über den dunkelvioletten, Schnee androhenden Wolken schwebte, und mir zuzwinkerte, mir noch zulächelte und sagte: »Liebe einfach, und fürchte nichts.«

Bis zum Nachmittag, als wir alle Schüler am Sarg von Pater Juan Tolrá vorbeigingen, war kein Schnee mehr gefallen. Der Pater lag ganz steif da, Nase und Kinn noch spitzer als je zuvor, und hatte eine Lichtkrone über dem Kopf. Sie hatten ihm ein gesteiftes Chorhemd und ein goldenes Messgewand angezogen, und so sah er wie ein schlafender Bischof aus, mit den ganz dicht aneinander liegenden Händen und seinen so langen Fingern. Wir begannen eine unendliche Prozession durch den Schnee, die Männer, die den Sarg trugen, taten mir aber gar nicht leid, denn Pater Juan Tolrá war so mager, dass er wohl gar nichts wiegen konnte und sie ihn eher festhalten mussten, damit er ihnen nicht abhanden kam. Als sie den Sargdeckel aufmachten, um ihm den letzten Segen zu geben, begann es heftig zu schneien. Pater Camil hielt die Grabrede, während Pater Crescent versuchte, einen gregorianischen Gesang anzustimmen. Da öffnete Pater Juan Tolrá ein Auge, und seine Pupille war immer noch himmelblau. Das weiß ich, weil er mich ansah und sagte: »Du liebe, liebe immer mit Haut und Haar.«


Aus dem Katalanischen übersetzt von Theres Moser ©



Amb el suport de:

Institut d'Estudis Baleàrics